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Die Akte Heinz Rühmann

Der legendäre Komödiant war einer von Hitlers Lieblingsschauspielern - und später Berater Walter Ulbrichts vor Gründung der DDR / Von Franz Josef Görtz

Was ist so deutsch am Lebenslauf des Schauspielers Heinz Rühmann? Dass aus der Geschichte erst lernt, wer zweimal - und womöglich unbelehrbar - in denselben Fluss gestiegen ist? Die Akte Rühmann spricht für diese These. Die brisanten Dokumente liegen, was die Jahre vor 1945 betrifft, im Bundesarchiv Berlin, und was die Zeit unmittelbar nach 1945 angeht, beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik. Jahrelang wurden sie versteckt oder nicht beachtet. Rühmann und die frühe DDR: Davon drang bisher wenig an die Öffentlichkeit.  Im Mai 1945 habe eine Abordnung sowjetischer Offiziere an seine Tür geklopft, um mit ihm "über den Aufbau des neuen deutschen Films" zu reden, schreibt Rühmann in seinen Erinnerungen. Aber schon zuvor müssen, in ganz anderer Absicht allerdings, einige Zivilisten vorgesprochen haben: vermutlich der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht in Begleitung engster Vertrauter. Ulbricht war am 1.Mai 1945 mit einer Gruppe kommunistischer Funktionäre gerade erst von Moskau nach Berlin zurückgekehrt. Wolfgang Leonhard, bis August 1945 Mitglied der "Gruppe Ulbricht", hat von Einzelheiten der Mission berichtet. "Am Abend des 1. Mai 1945", so Leonhard, "erhielten wir von Walter Ulbricht die erste Direktive: für die Bezirksverwaltungen in den 20 Berliner Bezirken die entsprechenden Antifaschisten zu suchen und zu ernennen." Wörtlich habe Ulbricht erklärt: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Schon zwei Wochen später, am 15. Mai 1945, wurde der erste Magistrat durch Marschall Schukow bestätigt. Als Berater fungierte neben dem Mediziner Ferdinand Sauerbruch und dem Architekten Hans Scharoun auch Heinz Rühmann. Ulbricht stolz: "Zur Mitarbeit in der Abteilung hat sich bereit erklärt Heinz Rühmann, einer der bekanntesten Filmschauspieler und Regisseure. Er hat in keinem politischen Film für die Nazis mitgewirkt. Er hat Genossen bei der illegalen Arbeit gegen das Hitlerregime geholfen. Er ist sowjetfreundlich gesinnt."  Rühmann, den die amerikanischen Besatzer noch lange nach Kriegsende auf der "schwarzen Liste" so genannter Mitläufer führten, bevor sie seiner "Entnazifizierung" zustimmten - ein bekennender und praktizierender Antifaschist? Ein Widerstandskämpfer womöglich, der sich nach Kriegsende als Freund der Sowjetunion zu erkennen gab und deshalb bei seiner ersten Gastspielreise unbedingt in die sowjetisch besetzte Zone aufbrechen wollte? Zweifel sind erlaubt. Ein Nazi war Rühmann nicht. Aber zweifellos stand er in der Gunst Hitlers an oberer Stelle. Früh besaß Rühmann die Zuneigung von Goebbels, den er auch in seine am Wannsee gelegene Villa einlud. "Abends bei Rühmann", notiert Goebbels wiederholt in sein Tagebuch: "Wir können tausenderlei besprechen." Am 29. Oktober 1940 feierte der Propagandaminister seinen 43. Geburtstag. "Wir schauen gemeinsam den Film an, den Heinz Rühmann mit den Kindern gedreht hat", schreibt er. "Zum Lachen und zum Weinen, so schön."  Dass Rühmann in keinem politischen Film für die Nazis mitgemacht habe, ist eine Legende, auch wenn er selbst sich gelegentlich so vernehmen ließ. Ulbricht wusste es nicht besser. Sein Gewährsmann, Max Jaap vermutlich, seit Kriegsende Leiter des Referats Theater und Film beim Volksbildungsamt in Pankow, hatte ihn unvollständig, vielleicht sogar absichtlich falsch informiert. Jaap, der durch Rühmanns Vermittlung 1942 Zweiter Aufnahmeleiter bei der Terra-Filmkunst in Babelsberg geworden war, hat an Filmen wie "Sophienlund", "Die Feuerzangenbowle" und "Quax in Fahrt" mitgewirkt. Jaap war Jude. Dass er, um bei der Terra angestellt zu werden, falsche Papiere vorgelegt beziehungsweise unrichtige Angaben zu seiner Herkunft gemacht hatte, war Rühmann bekannt. Er zögerte nicht, den begabten Kollegen, der in der DDR später als erfolgreicher Dokumentarfilmer von sich reden machte, rasch zum Ersten Aufnahmeleiter zu befördern. Mag sein, dass Jaap, als Ulbricht auf der Suche nach geeigneten Mitgliedern für den Berliner Magistrat Auskünfte über Rühmann einholte, sich durch ebensolche Verschwiegenheit erkenntlich zeigen wollte. Denn es ist unvorstellbar, dass ihm die Auftritte Rühmanns in Propagandafilmen wie "Wunschkonzert" (1940) und "Fronttheater" (1942) oder sein Ausrutscher in Carl Froelichs Lustspiel "Die Umwege des schönen Karl" (1938), das die Weimarer Demokratie der Lächerlichkeit preisgab, entgangen sein sollen.  Das "Wunschkonzert für die Wehrmacht", seit Oktober 1939 jeden Sonntag von 16 bis 20 Uhr aus dem Großen Sendesaal des Berliner Rundfunkhauses übertragen, entwickelte sich mit seinen Grüßen an Soldaten und ihre Angehörigen bald zur erfolgreichsten Sendung des Großdeutschen Rundfunks. Das 1939 im Film "Paradies der Junggesellen" von Heinz Rühmann, Hans Brausewetter und Josef Sieber gesungene Lied "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" gehörte zu ihren absoluten Favoriten. Die Ufa verwendete das Programm sogar für einen Kinofilm, der eine Liebesgeschichte mit Blicken hinter die Kulissen und mit dokumentarischen Bildern aus der Wochenschau verknüpfte, zu denen Rühmanns Ohrwurm wie eine vorauseilende Durchhalteparole klang.  Doch Rühmann ließ sich noch eine Dreingabe einfallen. Als am 12. Dezember 1939 der Passagierdampfer "Bremen" in Hamburg einlief, nachdem er, von New York kommend, erfolgreich die englische Blockade durchbrochen hatte, war mit Bild und Ton auch die Wochenschau dabei. Den Kapitän und seine Mannschaft bat man auf der Stelle ins Funkhaus nach Berlin. Dort wurde das "Wunschkonzert für die Wehrmacht" aufgenommen. Und Brausewetter, Rühmann und Sieber sangen für die Ufa-Tonwoche ihren Seemann-Schlager zur Feier des Tages mit geändertem Text und aggressivem Refrain: Wie gern hätt' Churchill uns blockiert! / You see, it looks now black! / Das deutsche U-Boot torpediert / Ihm seinen Frühstücksspeck. / Ihn selber trifft ein jeder Schuss, / Die waves zu rulen ist jetzt Schluss. / Die Nordsee ward ein deutsches Meer; / Nu kiekste hinterher! / Das wird den Ersten Seelord doch erschüttern, / Lügt er auch, lügt er auch wie gedruckt! Nach dem Erfolg mit dem "Wunschkonzert" ließ sich Rühmann im Dezember 1941 ein zweites Mal zu Aufnahmen für einen Propagandafilm verpflichten: "Fronttheater" war dessen Titel, Arthur Maria Rabenalt führte Regie. Diesmal gab es Ärger mit dem Propagandaministerium. Denn die Handlung war frei erfunden und drohte das Unternehmen nachhaltig in Misskredit zu bringen. Schließlich waren weder Heinz Rühmann noch sein Partner Hans Söhnker für Einsätze beim Fronttheater requiriert worden, wie der Film behauptete und damit Gunst und Vertrauen des Publikums aufs Spiel setzte: ein Missgriff, der zugleich vermuten lässt, dass die Darsteller über Absichten und Inhalte bestimmter Filme, in denen sie auftreten sollten, oft im unklaren gelassen oder getäuscht, wenn nicht in einzelnen Fällen zur Mitwirkung gezwungen wurden.  Als außerordentlich problematisch wertete der Entnazifizierungsausschuss eine biographische Auskunft, die Rühmann in seinem Antrag zur Aufnahme in die Reichsfachschaft Film am 3. Oktober 1933 gemacht hatte und die ihn aus der Sicht der alliierten Vernehmungsoffiziere nachdrücklich belastete. Auf die Frage nach der Mitgliedschaft in der NSDAP hatte Rühmann, anstelle eines klaren Ja oder Nein, geantwortet: "Mitgl. d. Kampfbundes". Die Mitglieder des 1927 von Alfred  Rosenberg, dem Chefideologen der NSDAP, gegründeten "Kampfbundes für deutsche Kultur" bekannten sich zu den Zielen der NSDAP und waren in der Regel für sie propagandistisch tätig. Ein Mitgliederverzeichnis hat sich nicht erhalten, in den Akten des Bundesarchivs finden sich nur Listen der Ortsvereine. Der Name Rühmann ist darin nicht verzeichnet, allerdings gab es auch geheime Mitgliederlisten.  Die Frage nach der Mitgliedschaft in dieser Organisation spielte in Rühmanns Verfahren eine entscheidende Rolle. Als dies immer deutlicher wurde, gab er eine eidesstattliche Erklärung darüber ab, nie dem Kampfbund angehört zu haben. "Er habe", heißt es in dem Protokoll, "in dem Fragebogen der damaligen Reichsfilmkammer angegeben, Mitglied des Kampfbundes zu sein, weil er glaubte, dort nicht aufgenommen zu werden, falls er nicht irgend einer nationalsozialistischen Organisation angehörte, besonders da er mit einer Volljüdin verheiratet war. Er habe diese Frage mit seiner früheren Frau erörtert. Andere Zeugen für diese Tatsache gebe es nicht." Glaubwürdige und verlässliche Zeugen, die bereit waren, vor dem Entnazifizierungsausschuss zugunsten von Rühmann auszusagen, fanden sich dennoch in beeindruckender Vielzahl. Der im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens gegen Heinz Rühmann eingesetzte Deutsche Prüfungsausschuss befand am 28. März 1946 abschließend, dass "keine Bedenken gegen eine weitere künstlerische Betätigung des Herrn Rühmann" bestünden. Unter dem Datum vom 16. Juli 1946 beantragte er bei der amerikanischen Militärregierung eine Zulassung für die "Aufführung von Theaterstücken".  Da es kaum noch bespielbare Theater gab, wollte er mit einer kleinen Truppe "auf Tournee gehen und in Wirtshäusern und Kinos mit Bühne spielen". Sechs Wochen lang reiste man mit drei Automobilen samt Anhängern durch die Altmark: fünf Schauspieler, ein Reiseleiter, ein Techniker, ein Inspizient, eine Souffleuse, eine Sekretärin und eine Garderobiere. Unterstützt wurde die Tournee von der russischen Militärregierung. Der russische Kommandant hatte Rühmann ein Haus in Zehlendorf zugewiesen, in dem vor der Reise auch die Proben stattgefunden hatten. "Als es dann manchmal nachts auf den Straßen unruhig wurde, stellte er eine Wache vor mein Haus", berichtet Rühmann. Dafür wurden in jeder Stadt und in jeder Vorstellung die ersten beiden Reihen für Angehörige der Roten Armee freigehalten.  Im Osten Berlins gehörte Rühmann nach Kriegsende zweifellos zur politischen Prominenz. Fotografien zeigen ihn kurz vor der Amtseinführung des ersten Berliner Magistrats im Gespräch mit Walter Ulbricht. Im Protokoll der ersten Sitzung, die am 20. Mai 1945 stattfand, ist vermerkt, dass Rühmann die Leitung des Renaissance-Theaters Charlottenburg anvertraut werden sollte. Er gehörte ferner dem Filmausschuss an, den der Präsident der Kammer der Kunstschaffenden, der Schauspieler Paul Wegener, im Juni 1945 einsetzte. "Doch bevor wir richtig zu arbeiten beginnen konnten", klagt Rühmann, "wurde der Ausschuss aufgelöst, und es begann die Zeit der Viermächte-Besatzung, der Fragebogen und Untersuchungskommissionen."  Jene Schreckensnachricht aber, die Margret Boveri in ihren Aufzeichnungen über die Vorgeschichte zur Gründung der DDR verbreitet hat, entsprach dann doch nicht der Wahrheit: "Heinz Rühmann, ein, wie ich glaube, höchst mittelmäßiger Filmschauspieler, ist an der Spitze der Kultur."

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2000