Zweiter Aufzug
 
Tempelhain zu Sestos. Auf der linken Seite nach rückwärts eine Ruhebank von Gebüsch umgeben.
 
Naukleros (von der linken Seite auftretend).
Leander komm! und eile mir doch nur!
Leander (der von derselben Seite sichtbar wird).
Hier bin ich, sieh!
Naukleros.      So rasch? Ei doch! Man denke!
Wie lange noch, sag an! führ ich, zur Strafe
Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt
Und unbegangen auch, dem Knaben gleich
Der seinen blinden Herrn die Straße leitet,
Ringsum dich durch der Menschen laute Städte,
Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar,
Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte?
Wie lang sitz ich, von Sprechen müd', dir gegenüber
Und forsch in deinem Aug', dem leid'gen Blick,
Ob's angeglommen, ob erwacht die Lust?
Und les ein ewig neues: nein, nein, nein!
Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen?
War's gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn,
Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen,
Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt
Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend;
Nun, da sie tot, was hält dich länger ab
Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören
Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust?
Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar,
Allein dann kehre zu den Freuden wieder,
Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest.
Sag ich nicht recht? und was ist deine Meinung?
Nun?
Leander.      Ich bin müd'.
Naukleros.           Ei ja, der großen Plage!
Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben
Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern,
Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören,
Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter,
Wer hielte das wohl aus?
Leander (der sich gesetzt hat).      Und krank dazu.
Naukleros.
Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl.
Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte,
Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen
Und trübe Wolken, die mit Regen dräun.
Hab erst das gute Kleid da von den Schultern,
Und umgehüllt dein derbes Schifferwams.
Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd,
Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen,
Lieg abends erst - so fand ich dich ja einst -
Im Ruderkahn, das Antlitz über dir,
Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern,
Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt;
So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen,
Und denk - an deine Mutter, die noch eben
Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht;
An sie; an Geister, die dort oben wohnen;
An - denk ans Denken; denk vielmehr an nichts!
Sei nur erst dort; und Freund, was gilt die Wette?
Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund.
Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat,
Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.
Leander.
Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen!
Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.
Naukleros.
Ei rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge!
Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand,
Die prallen Arme vor und rückwärts führend,
Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad!
Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann;
Für andres mag man einen andern suchen.
Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß,
Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge.
Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund,
Im Tempelhain, der jedem sich verschließt,
Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren.
Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche,
Die fahen jeden, den ihr Auge trifft,
Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels,
Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten.
Sprichst du?
Leander.      Ich sagte nichts.
Naukleros.           Drum also komm!
Um Mittag endet sie des Festes Freiheit
Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil.
Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns,
Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt.
Hörst du? - Noch immer nicht! - Nun, gute Götter!
Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet!
Da lehnt er, weich, mit mattgesenkten Gliedern.
Ein Junge, schön, wenngleich nicht groß, und braun.
Die finstern Locken ringeln um die Stirn;
Das Auge, wenn's die Wimper nicht verwehrt,
Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht;
Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig,
Von prallen Muskeln ründlich überragt;
Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild.
Die Mädchen sehn nach ihm; doch er - Ihr Götter!
Wo blieb die Seele für so art'gen Leib?
Er ist - wie nenn ich's - furchtsam, töricht, blöd!
Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell,
Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles,
Und, statt der Inderfarbe die ihn bräunt,
Lacht helles Weiß um diese derben Knochen,
Bin größer, wie's dem Meister wohl geziemt.
Und doch, gehn wir zusammen unters Volk,
In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz;
Mich trifft kein Aug', und ihn verschlingen sie.
Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert.
Und ihm gilt's, ihm. Sie sind nun mal vernarrt
In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker.
Er aber - Ei, er merkt nun eben nichts.
Und merkt er's endlich: Hei, was wird er rot!
Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß,
Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher
Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen?
Nur heut im Tempel. Gute Götter, war's nicht,
Als ob die Erde aller Wesen Fülle
Zurückgeschlungen in den reichen Schoß
Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen?
Aus Thrazien, dem reichen Hellespont
Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen,
So Ros' als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie,
- Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu -
Im ganzen ein begeisternd froher Anblick:
Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern
Und runden Hüften an der Wellen Statt.
Nun frag' ihn aber einer, was er sah,
Ob's Mädchen waren oder wilde Schwäne;
Er weiß es nicht, er ging nur eben hin.
Und doch war er's, nach dem sie alle blickten.
Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib!
Die besser tat, am heutigen frohen Tag
Der Liebe Treu' zu schwören ewiglich,
Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg.
Der Anmut holder Zögling und der Hoheit.
Des Adlers Aug', der Taube süßes Girren,
Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln,
Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind,
Dem man die Krone aufgesetzt, noch in der Wiege.
Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich.
Was weißt du von des Nackens stolzem Bau,
Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten;
Den Schultern, die beschämt nach rückwärts sinkend,
Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern,
Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß,
Und all den Schätzen so beglückten Leibes?
Was weißt du? sag ich, und du sahst es nicht.
Doch sie sah dich. Ich hab es wohl bemerkt.
Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn,
Am Standbild Hymens, des gewalt'gen Gottes,
Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun.
Da stockte sie, die Hand hing in der Luft;
Nach dir hinschauend stand sie zögernd da,
Ein, zwei, drei kurze, ew'ge Augenblicke.
Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk.
Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick,
Im herben Widerspruch des frost'gen Tages,
Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe:
»Es ist doch schad'« und: »Den da möcht' ich wohl!«
Gelt, lächelst doch? und schmeichelt dir, du Schlucker.
Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern!
Und heuchle nicht, und sag nur: ja.
(Er hat ihm die Hand von den Augen weggezogen.)
     Doch, Götter!
Das sind ja Tränen. Wie? Leander! Weinst?
Leander (der aufgestanden ist).
Laß mich und quäl mich nicht! Und sprich nicht ohne Achtung
Von ihrem Hals und Wuchs. - O ich bin dreifach elend!
Naukleros.
Leander! elend? Glücklich! Bist verliebt.
Leander.
Was sprachst du? Ich bin krank. Es schmerzt die Brust.
Nicht etwa innerlich. Von außen. Hier!
Hart an den Knochen. Ich bin krank, zum Tod.
Naukleros.
Ein Tor bist du, doch ein beglückter Tor!
Nun, Götter, Dank, daß ihr ihn heimgesucht!
Nun schont ihn nicht mit euern heißen Pfeilen,
Bis er mir ruft: Halt ein! es ist genug;
Ich will erdulden was die Menschen leiden!
Nun Freund, gib mir die Hand! Nun erst mein Freund;
Zu spät bekehrt durch allzu süße Wonnen.
Du Neugeborner, Glücklicher! - Doch halt!
Ein garstiger Fleck auf unsers Jubels Kleide. -
Komm mit zurück zur Stadt! dort sind die Mädchen,
Die wir beim Fest gesehn, noch all versammelt.
Dort sieh dich um, verlieb dich wie du magst.
Denn Freund, die Jungfrau, die dich jetzt erfüllt,
Ist Priesterin und hat an diesem Tag
Gelobt dem Manne sich auf ewig zu entziehn.
Und streng ist was ihr droht, wenn sie's vergaß,
Und was dem Manne, der's mit ihr vergessen.
Leander.
Ich wußt' es ja. Komm Nacht! Und so ist's aus.
Naukleros.
Aus? Wieder aus? Und eh' es noch begann?
Warum und wie? Friedfertiger Gesell,
Wagst du so wenig an die höchste Wonne?
Und sagst mir das mit zuckend fahlen Wangen
Und schlotterndem Gebein, und meinst ich glaub's?
Nun sollst du bleiben. Hier! Und sollst sie sprechen.
Wer weiß ist ihr Gelübd' so eng und fest
Und läßt sich lösen, folgt alsbald die Reue;
Wer weiß ist deine Liebe selbst so heiß,
Als jetzt sie scheint. Doch was es immer sei:
Du sollst nicht zagen, wo zu handeln not.
Zum mindsten kenne dein Geschick, und trag's,
Und lerne scheiden von den Knabenjahren.
Wir sind hier fremd. Komm mit! Wer darf uns tadeln,
Wenn wir des Wegs verfehlen, fragen, gehn?
Zuletzt gelangen wir ins Haus, zum Tempel,
Und stehn vor ihr, und hören was sie spricht.
Dort kommt ein Mädchen mit dem Wasserkrug
In ein und andrer Hand. Die laß uns fragen.
Sie weiß wohl -
     Doch! Leander! Sohn des Glücks!
Was zerrst du mich? Bleib hier! Sie selber ist's,
Die Jungfrau, sie, die neue Priesterin.
Nach Wasser geht sie aus der heiligen Quelle,
Das liegt ihr ob. Ergreif den Augenblick
Und sprich! Nicht allzukühn, nicht furchtsam. Hörst du?
Ich will indes rings forschen durch die Büsche,
Ob alles ruhig, und kein Lauscher nah.
Komm hier! Und sag ich: jetzt! so tritt hervor
Und sprich. - Doch nun vor allem still. - Komm hier!
(Sie ziehen sich zurück.)
Hero (ohne Mantel, ungefähr wie zu Anfang des ersten Aufzuges gekleidet, kommt mit zwei leeren Wasserkrügen von der linken Seite des Vorgrundes. Sie geht quer aber die Bühne und singt).
     Da sprach der Gott:
     Komm her zu mir,
     In meine Wolken,
     Neben mir.
(Leander ist, von Naukleros leicht angestoßen, einige Schritte vorgetreten. Dort bleibt er, gesenkten Hauptes, stehen.)
(Hero geht auf der rechten Seite des Vorgrundes ab.)
Naukleros (nach vorn kommend).
Nun denn, es sei! Du hast es selbst gewollt.
Kannst du das Glück nicht fassen und erringen,
So lern entbehren es. Und besser ist's.
Heißt sie nicht gottgeweiht? und ihr zu nahn
Droht Untergang. Auch war's halb Scherz nur,
Daß ich dir riet ein Äußerstes zu tun.
Doch macht mich's toll, den Menschen anzusehn,
Der wünscht und hofft, und dem nicht Muts genug,
Die Hand zu strecken nach des Sieges Krone.
Doch ist es besser so. Glück auf, mein Freund!
Dein zaghaft Herz, es führte diesmal sichrer,
Als Nestors Klugheit und Achillens Mut.
Nun aber komm und laß uns heim. Doch niemals
Vermiß dich mehr -
Leander.      Sie kehrt zurück.
Naukleros.           Ei doch!
Folg du!
Leander.      Ich nicht.
Naukleros.           Was sonst?
Leander.                Ihr nahen. Sprechen. Oh!
(Sie treten wieder zurück.)
Hero (kommt zurück, einen Krug auf dem Kopfe tragend, den zweiten am Henkel in der herabhängenden rechten Hand).
(Sie singt.)
     Sie aber streichelt
     Den weichen Flaum.
(Stehenbleibend und sprechend.)
Mein Oheim meint ich soll das Lied nicht singen
Von Leda und dem Schwan.
(Weitergehend.)
     Was schadet's nur?
(Wie sie in die Mitte der Bühne gekommen, stürzt Leander plötzlich hervor, sich, gesenkten Hauptes, vor ihren Füßen niederwerfend.)
Hero.
Ihr Götter, was ist das? Bin ich erschrocken!
Die Kniee beben, kaum halt ich den Krug.
(Sie setzt die Krüge ab.)
Ein Mann. Ein zweiter. Fremdlinge was wollt ihr
Von mir, der Priestrin, in der Göttin Hain?
Nicht unbewacht bin ich und unbeschützt.
Erheb ich meine Stimme, nahen Wächter
Und lassen euch den Übermut bereun.
So geht weil es noch Zeit, und nehmt als Strafe
Bewußtsein mit, und daß es euch mißlang.
Naukleros.
O Jungfrau, nicht zu schäd'gen kamen wir,
Vielmehr um Heilung tiefverborgnen Schadens,
Der mir den Freund ergriff, ihn, den du siehst.
Der Mann ist krank.
Hero.      Was sagst du mir's?
Geht zu den Priestern in Apollens Tempel,
Die heilen Kranke.
Naukleros.      Solche Krankheit nicht.
Denn wie sie ihn befiel, beim Fest, in eurem Tempel,
Verläßt sie ihn auch nur am selben Ort.
Hero.
Beim heut'gen Fest?
Naukleros.      Beim Fest. Aus deinen Augen.
Hero.
Meint ihr es also, und erkühnt euch des?
Doch wußt' ich's ja: frech ist der Menge Sinn,
Und ehrfurchtslos, und ohne Scheu und Sitte.
Ich geh, und dienstbar nahe Männer send ich
Nach meinen Krügen dort, die, weilt ihr noch,
Euch sagen werden, daß ihr euch vergingt.
Naukleros.
Nicht also geh! Betracht ihn erst den Jüngling,
Den du so schwer mit harten Worten schiltst.
Leander (zu ihr emporblickend).
O bleib!
Hero.      Du bist derselbe, seh ich wohl,
Der heut beim Fest an Hymens Altar kniete.
Doch schienst du damals sittig mir und fromm,
Mir tut es leid, daß ich dich anders finde.
Leander (der aufgestanden ist, mit abhaltender Gebärde).
O anders nicht! O bleib!
Hero (zu Naukleros).      Was will er denn?
Naukleros.
Ich sagt' es ja: er hängt an deinem Blick,
Und Tod und Leben sind ihm deine Worte.
Hero.
Du hast dich schlimm beraten, guter Jüngling,
Und nicht die richt'gen Pfade ging dein Herz.
Denn deut ich deine Meinung noch so mild,
So scheint es, daß du mein mit Neigung denkst.
Ich aber bin der Göttin Priesterin,
Und ehelos zu sein heißt mein Gelübd'.
Auch nicht gefahrlos ist's um mich zu frein,
Dem drohet Tod, der des sich unterwunden.
Drum laßt mir meinen Krug und geht nur fort;
Mich sollt' es reun, wenn Übles ihr erführt.
(Sie greift nach den Krügen.)
Leander.
Nun denn, so senkt in Meersgrund mich hinab!
Hero.
Du armer Mann, du dauerst mich, wie sehr.
Naukleros.
Bei Mitleid nicht, o Priestrin, bleibe stehn!
Sei hilfreich ihm, dem Jüngling, der dich liebt.
Hero.
Was kann ich tun? Du weißt ja alles nun.
Naukleros.
So gib ein Wort ihm mindstens, das ihn heilt.
Komm hier! Die Büsche halten ab des Spähers Auge.
Ich setze dir in Schatten deinen Krug;
Und so komm her und gönn uns nur ein Wort.
Willst du nicht sitzen hier?
Hero.      Es ziemt sich nicht.
Naukleros.
Tu's aus Erbarmen mit des Jünglings Leiden!
Hero (zu Leander).
So setz dich auch!
Naukleros.      Ja hier. Und du zur Seite.
(Leander sitzt in der Mitte, den Leib an einen Baumstamm zurückgelehnt, die Hände im Schoß, gerade vor sich niedersehend. Hero und Naukleros zu beiden Seiten, etwas vorgerückt, so daß sie sich wechselseitig im Auge haben.)
Hero (zu Naukleros).
Ich sagt' es schon und wiederhol es nun:
Niemand der lebt begehr' um mich zu werben,
Denn gattenlos zu sein heißt mich mein Dienst.
Noch gestern, wenn ihr kamt, da war ich frei,
Doch heut versprach ich's, und ich halt es auch.
(Zu Leander.)
Birg nicht das Aug' in deine Hand, o Jüngling!
Nein, frischen Mutes geh aus diesem Hain.
Gönn einem andern Weibe deinen Blick,
Und freu dich dessen, was uns hier versagt.
Leander (aufspringend).
So möge denn die Erde mich verschlingen,
Sich mir verschließen all was schön und gut,
Wenn je ein andres Weib und ihre Liebe -
Hero (zu Naukleros).
Sag ihm, er soll es nicht. Was nützt es ihm?
Was nützt es mir? Wer mag sich selber quälen?
Er ist so schön, so jugendlich, so gut,
Ich gönn ihm jede Freude, jedes Glück.
Er kehre heim -
Leander.      Ich heim? Hier will ich wurzeln,
Mit diesen Bäumen stehen Tag und Nacht
Und immer schaun nach jenes Tempels Zinnen.
Hero.
Des Ortes Wächter fangen, schäd'gen ihn.
Sag ihm's! -
(Zu Leander.)
     Und, guter Jüngling, kehrst du heim,
So laß des Lebens Müh' und buntes Treiben
So viel verwischen dir als allzuviel,
Das andere bewahr! So will ich auch.
Und kehrt ums Jahr und jedes nächste Jahr
Zurück das heut'ge Fest, so komm du wieder.
Stell dich im Tempel, daß ich dich mag sehn.
Mich soll es freun, wenn ich dich ruhig finde.
Leander (zu ihren Füßen stürzend).
O himmlisch Weib!
Hero.      Nicht so. Das ziemt uns nicht.
Und sieh! Mein Oheim kommt. Er wird mich schelten,
Und zwar mit Recht, warum gab ich euch nach.
Naukleros.
Nimm deinen Krug und laß daraus mich trinken,
Am besten deutet so sich unser Tun.
Leander (ihn wegstoßend).
Nicht du; ich, ich!
Hero (ihm den Krug hinhaltend, aus dem er kniend trinkt).
     So trink! und jeder Tropfen
Sei Trost, und all dies Naß bedeute Glück.
(Der Priester kommt.)
Priester.
Was schaffst du dort?
Hero.      Sieh nur, ein kranker Mann!
Priester.
Nicht deines Amtes ist der Kranken Heilung.
Sie mögen gehen in Apollens Tempel,
Dort heilt der Priester Schar.
Hero.      So sagt' ich auch.
Priester.
Allein vor allem, ob nun krank, gesund
Der Göttin Hain, der Priesterwohnung Nähe
Betritt kein Mann, kein Fremder ungestraft.
Entlaß ich euch, verdankt es meiner Huld.
Ein zweites Mal verfielt ihr dem Gesetz.
Naukleros.
Doch sah ich erst nur viele dort versammelt
Im Tempel und im Hain, so Mann als Frauen.
Priester.
Die Zeit des Fests gibt solchem Einlaß Raum,
Vom Morgen bis zum Mittag währt die Freiheit.
Naukleros.
Nun denn, die Sonne steht noch nicht so hoch;
Sie brennt und blitzt, doch lange nicht im Scheitel.
Priester. Des sei du froh und nütze diese Frist.
Denn wenn die Sonn' auf ihres Wandels Zinne
Mit durst'gen Zügen auf die Schatten trinkt,
Dann tönen her vom Tempel krumme Hörner
Dem Feste Schluß, dir kündigend Gefahr.
Auch seid ihr aus Abydos sagt man mir,
Und wenig wohlgesinnt das Volk uns jener Stadt.
Beim Fischzug, und wo irgend sonst im Meer
Erhebt es Streit mit Sestos' frommen Bürgern.
Auch das bedenkt, und daß der oft Gekränkte
Sich doppelt rächt, wenn lang er es verschob.
Naukleros.
Ich aber denke: Mann, Herr, gegen Mann!
So hielt ich's gegen Sestos' frommes Volk.
Auch: stellen sie uns nach auf diesen Küsten,
Wir zahlen's ihnen jenseits, dort, bei uns.
Priester.
Nicht ziemt es mir, dir Wort zu stehn und Rede.
Was not tut ward gesagt, von anderm schweig!
(Zu Hero.)
Du aber nimm den Krug und komm!
(Da die Jünglinge ihr helfen wollen.)
     Laß nur!
Dort gehen Dienerinnen.
(Er winkt nach links in die Szene.)
     Und so folg!
Im Tempel harrt noch mancherlei zu tun.
(Hero an der Hand führend, nach der linken Seite ab.)
Janthe (die indessen gekommen ist).
Was habt ihr angerichtet, schöne Fremde?
Ich sah euch wohl von fern. Nun aber eilt!
Wer hieß euch auch mit euerm raschen Werben
Der Priestrin nahn, die schon dem Dienst geweiht?
Wär' ich ein Mann, ich suchte gleich für gleich.
(Mit den Krügen ab.)
Naukleros (dem Priester nachsprechend).
Selbstsücht'ger, Eigenmächt'ger, Strenger, Herber!
So schließest du die holde Schönheit ein,
Entziehst der Welt das Glück der warmen Strahlen
Und schmückst mit heil'gem Vorwand deine Tat?
Seit wann sind Götter neidisch mißgesinnt?
Daheim auch ehrt man Himmlische, bei uns;
Doch heiter tritt Zeus' Priester unters Volk,
Umgeben von der Seinen frohen Scharen,
Und segnet andre, ein Gesegneter.
Ihr aber habt's ererbt von Morgen her,
Den schnöden Dienst mißgünst'ger Indusknechte
Und hüllet euch in Greuel und in Nacht.
Doch ist's nun so. Drum komm, Unglücklicher!
Leander.
Unglücklich! Meinst du mich?
Naukleros.      Wen sonst? - Nun, mindstens
Genügsam denn! Komm mit!
Leander.      Hier bin ich.
Naukleros.           Wie?
Betrachtest dir nicht einmal noch den Ort,
Von dem du nun auf immer -
Leander.      Immer?
Naukleros.           Nicht?
So wolltest du -? Wie meinst du das? Sag an!
Leander.
Horch! Tönt das Zeichen nicht? Wir müssen fort!
Naukleros.
Rückhält'ger, was verbirgst du deinen Sinn?
Du willst doch nicht an diesen Ort zurück,
Wo Kerker, Unheil, Tod -
Leander.      Fürwahr, das Zeichen!
Die Freunde kehren heim. Komm, laß uns mit!
Mein Leben sei nur ärmlich, sprachst du selbst;
Wenn's nun so wenig, gäb' ich's nicht um viel?
Was noch geschieht; wer weiß es? - Und wer sagt's?
(Schnell ab.)
Naukleros.
Leander! Höre doch! - Befasse sich nur eins
Mit derlei frost'gen Jungen! Frostig? Ei,
Das Beispiel lehrt's. Doch will ich dich wohl hüten!
Und kehrst du mir zurück, eh' ich's gebilligt,
Soll man - So warte doch! - Hörst du? - Leander!
(Unter Händewinken und Gebärden des Zurückhaltens ihm folgend.)
(Der Vorhang fällt.)

Einleitung

1. Aufzug

3. Aufzug

4. Aufzug

5. Aufzug