Dritter Aufzug

London. Eine Dachkammer ohne Mansarde. Zwei große Scheiben in der Flucht des Daches öffnen sich nach oben. Rechts und links vorn je eine schlechtschließende Tür. Im rechten Proszenium eine zerrissene graue Matratze. Links vorn ein wackliger Blumentisch, auf dem eine Whiskyflasche und eine qualmende Petroleumlampe stehen. Links hinten in der Ecke eine alte Chaiselongue; neben der Mitteltür ein durchsessener Strohsessel.
 
Man hört den Regen aufs Dach schlagen; er träufelt durch die Luke, so daß die Diele unter Wasser steht, Vorn auf der Matratze liegt Schigolch in langem grauen Paletot. Auf der Chaiselongue links in der Ecke liegt Alwa Schön, in einen Plaid gewickelt, dessen Riemen über ihm an der Wand hängt.

Schigolch Der Regen trommelt zur Parade.

Alwa Ein stimmungsvolles Wetter für ihr erstes Auftreten!

Lulu in halblangem Haar, das ihr offen über die Schulter fällt, tritt barfuß in abgerissenem schwarzen Kleide von links vorn ein mit einer Waschschüssel, die sie unter den Tropfenfall setzt.

Schigolch Wo bleibst du denn, mein Kind? - Hast du dir erst noch die Hände gewaschen?

Alwa Reinlichkeit ist der Schmuck der Armut.

Lulu sich aufrichtend, ihr Haar zurückschlagend Wenn nur du erst hier aus dem Wege wärst.

Alwa Mir träumte eben, wir dinierten zusammen chez Maxime. Bianetta Gazil war noch mit dabei. Ich hatte fers de cheval bestellt. Das Tischtuch triefte auf allen vier Seiten von Champagner.

Schigolch Yes, yes; und mir träumte von einem Stück Christmas-Pudding.

Lulu Wenn man sich an einem von euch wenigstens etwas wärmen könnte!

Alwa Willst du denn deine Pilgerfahrt barfuß antreten?

Schigolch Der erste Schritt kostet immer allerhand Geächz und Gestöhn. Vor zwanzig Jahren war das mit ihr um kein Haar besser; und was hat sie seitdem gelernt! Die Kohlen müssen nur erst gehörig angefacht sein. Wenn sie acht Tage dabei ist, halten sie keine zehn Lokomotiven mehr hier in unserer ärmlichen Dachkammer.

Alwa Die Schüssel läuft schon über.

Lulu Wo soll ich denn hin mit dem Wasser?

Alwa Gieß es zum Fenster hinaus.

Lulu steigt auf einen Stuhl und leert die Waschschale durch die Dachluke hinaus Es scheint doch, der Regen will endlich nachlassen.

Schigolch Du vertrödelst die Stunde, wo die Kommis vom Abendessen nach Hause gehen.

Lulu Wollte Gott, ich läge schon irgendwo, wo mich kein Fußtritt mehr weckt!

Alwa Das wünschte ich mir auch. Wozu dieses Leben noch in die Länge ziehen! Laßt uns lieber heute abend noch in Frieden und Eintracht zusammen verhungern. Es ist ja doch die letzte Station.

Lulu Warum gehst denn du Faultier nicht hin und schaffst uns was zu essen?! Du hast in deinem ganzen Leben noch keinen Pfennig verdient!

Alwa Bei diesem Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagt!?

Lulu Aber mich! Ich soll euch mit dem bißchen Blut, das ich noch in den Gliedern habe, das Maul stopfen.

Alwa Ich rühre keinen Happen an von dem Geld.

Schigolch Laß sie nur gehen. Sie hat mit fünfzehn Jahren ihre Familie ernährt. Ich sehne mich noch nach einem Christmas-Pudding; dann habe ich genug.

Alwa Und ich sehne mich noch nach einem saftigen Beefsteak und einer Zigarette, dann sterben! - Mir träumte eben von einer Zigarette, wie ich sie noch nie geraucht habe.

Schigolch Sie sieht uns lieber vor ihren Augen krepieren, als daß sie sich zu unserer Erlösung ein Vergnügen macht.

Lulu Die Menschen auf der Straße lassen mir eher Mantel und Rock in den Händen, ehe sie umsonst mitgehen. Hättet ihr meine Kleider nicht verkauft, dann brauchte ich wenigstens das Laternenlicht nicht zu scheuen. Ich möchte das Weib sehen, das in den Lumpen, die ich am Leib trage, noch was verdient.

Alwa Ich habe nichts Menschliches unversucht gelassen. Solange ich noch Geld hatte, brachte ich Nächte damit hin, Tabellen aufzubauen, mit denen man den perfektesten Falschspielern gegenüber hätte gewinnen müssen. Und dabei verlor ich Abend für Abend mehr, als wenn ich die Goldstücke eimerweise zum Fenster hinausgeschüttet hätte. Dann bot ich mich den Kurtisanen an; aber die nehmen keinen, den ihnen die Justiz nicht vorher abgestempelt hat. Und das sehen sie einem auf den ersten Blick an, ob man Beziehungen zum Galgen hat oder nicht.

Schigolch Yes, yes.

Alwa Ich habe mir keine Enttäuschung erspart; aber wenn ich Witze machte, dann lachten sie über mich selbst; wenn ich mich so anständig gab, wie ich bin, dann wurde ich geohrfeigt; und wenn ich es mit Gemeinheiten versuchte, dann wurden sie so keusch und jungfräulich, daß mir vor Entsetzen die Haare zu Berge standen. Wer die menschliche Gesellschaft nicht überwunden hat, der findet kein Vertrauen bei ihnen.

Schigolch Willst du nicht vielleicht endlich deine Stiefel anziehen, mein Kind? - Ich glaube, ich werde in dieser Behausung nicht mehr viel älter werden. Von den Zehenspitzen aufwärts habe ich schon seit Paris kein Gefühl mehr. Nachgerade wird es auch Zeit für mich. - Und dann die Reiselust, die mich in Atem hält. Gegen Mitternacht werde ich im Cosmopolitan-Club doch wohl noch einen Sodom-Whisky trinken. Gestern sagte mir die Bar-Maid, ich hätte noch Aussicht, ihr Geliebter zu werden.

Lulu In des drei Teufels Namen, ich gehe hinunter! Sie nimmt die Whiskyflasche vom Blumentisch und setzt sie an den Mund.

Schigolch Damit man dich auf eine halbe Stunde weit kommen riecht!

Lulu Ich trinke nicht alles.

Alwa Du gehst nicht hinunter, mein Weib! Du gehst nicht hinunter! Ich verbiete es dir!

Lulu Was willst du deinem Weibe verbieten, das du nicht ernähren kannst?

Alwa Wer ist daran schuld?! Wer anders als meine Frau hat mich auf das Krankenlager gebracht.

Lulu Bin ich krank?

Alwa Wer hat mich in den Kot geschleift? - Wer hat mich zum Mörder meines Vaters gemacht?

Lulu Hast du ihn erschossen? - Er hat nicht viel verloren, aber wenn ich dich dort liegen sehe, dann möchte ich mir beide Hände dafür abhacken, daß ich mich so gegen meine Vernunft versündigt habe! - Sie geht nach links in ihre Kammer.

Alwa Sie hat es mir von ihrem Casti-Plani übermacht. Sie selbst ist allerdings längst nicht mehr dafür erreichbar.

Schigolch Solche Teufelsracker können gar nicht früh genug mit dem Erdulden anfangen, wenn noch Engel daraus werden sollen.

Alwa Sie hätte als Kaiserin von Rußland geboren werden müssen. Da wäre sie an ihrem Platz gewesen. Eine zweite Katharina die Zweite.

Lulu kommt mit einem Paar ausgetretener Stiefeletten aus ihrer Kammer zurück und setzt sich auf die Diele, um sie anzuziehen.

Lulu Wenn ich nur nicht kopfüber die Treppe hinunterstürze! Hu, wie kalt! - - Gibt es etwas Traurigeres auf dieser Welt als ein Freudenmädchen!

Schigolch Geduld, Geduld! Es muß nur erst der richtige Zug ins Geschäft kommen.

Lulu Mir soll's recht sein; um mich ist es nicht mehr schade. Sie setzt die Whiskyflasche an Ça me chauffe! Ça m'excite! - O verflucht!

Sie geht wankend durch die Mitteltür ab.

Schigolch Wenn wir sie kommen hören, müssen wir uns so lange in meinem Verschlag verkriechen.

Alwa Es ist ein Jammer um sie! - Wenn ich zurückdenke - ich bin doch gewissermaßen mit ihr zusammen aufgewachsen.

Schigolch Solange ich lebe, hält sie jedenfalls noch vor.

Alwa Wir verkehrten anfangs miteinander wie Bruder und Schwester. Mama lebte damals noch. Ich traf sie eines Morgens zufällig bei der Toilette. Doktor Goll war zu einer Konsultation gerufen worden. Ihr Friseur hatte mein erstes Gedicht gelesen, das ich in der »Gesellschaft« hatte drucken lassen: »Hetz deine Meute weit über die Berge hin; sie kehrt wieder von Schweiß und von Staub bedeckt...«

Schigolch Oh yes!

Alwa Und dann kam sie in rosa Tüll - sie trug nichts darunter als ein weißes Atlasmieder - auf den Ball beim spanischen Gesandten. Doktor Goll schien seinen nahen Tod zu ahnen. Er bat mich, mit ihr zu tanzen, damit sie keine Tollheiten anstellte. Derweil wandte Papa kein Auge von uns, und sie sah während des Walzers über meine Schulter weg nur nach ihm. Nachher hat sie ihn erschossen. Es ist unglaublich.

Schigolch Ich zweifle nur stark daran, daß noch einer anbeißt.

Alwa Ich möchte es auch niemandem raten!

Schigolch Dieses Rindvieh!

Alwa Sie hatte damals, obgleich sie als Weib schon vollkommen entwickelt war, den Ausdruck eines fünfjährigen, munteren, kerngesunden Kindes. Sie war damals auch nur drei Jahre jünger als ich; aber wie lang ist das nun schon her! Trotz ihrer fabelhaften Überlegenheit in Fragen des praktischen Lebens ließ sie sich von mir den Inhalt von »Tristan und Isolde« erklären; und wie entzückend verstand sie sich dabei aufs Zuhören! - Aus dem Schwesterchen, das sich in seiner Ehe noch wie ein Schulmädchen fühlte, wurde dann eine unglückliche hysterische Künstlersfrau. Aus der Künstlersgattin wurde dann die Frau meines seligen Vaters; aus der Frau meines Vaters wurde meine Geliebte. Das ist nun einmal so der Lauf der Welt; wer will dagegen aufkommen.

Schigolch Wenn sie im entsprechenden Augenblick nur nicht Reißaus nimmt und uns statt dessen einen Obdachlosen heraufbringt, mit dem sie ihre Herzensgeheimnisse ausgetauscht hat!

Alwa Ich küßte sie zum erstenmal in ihrer rauschenden Brauttoilette; aber nachher wußte sie nichts mehr davon. Trotzdem glaube ich, daß sie in den Armen meines Vaters schon an mich gedacht hat. Oft kann es ja nicht gewesen sein. Er hatte seine Zeit hinter sich, und sie betrog ihn mit Kutscher und Stiefelputzer. Aber wenn sie sich ihm gab, dann stand ich vor ihrer Seele. Dadurch hat sie auch, ohne daß ich mich dessen versehen konnte, diese furchtbare Gewalt über mich erlangt.

Schigolch Da sind sie!

Man hört schwere Tritte die Treppe heraufkommen.

Alwa emporfahrend Ich will das nicht erleben! Ich werfe den Kerl hinaus!

Schigolch rafft sich mühsam auf, nimmt Alwa am Kragen und pufft ihn nach rechts Vorwärts, vorwärts! Wie soll ihr der Junge seinen Kummer beichten, wenn wir zwei uns hier herumsielen.

Alwa Aber wenn er ihr Gemeinheiten zumutet!

Schigolch Und wenn, und wenn! Was will er ihr denn noch zumuten! Er ist auch nur ein Mensch wie wir.

Alwa Wir müssen die Tür auf lassen.

Schigolch Alwa in den Verschlag stoßend Wozu die Tür auf lassen! - Kusch dich!

Alwa im Verschlag Ich werde schon hören, was vorgeht. Gnade ihm der Himmel!

Schigolch schließt die Kammertür. Von innen Jetzt still!

Alwa von innen Der soll sich vorsehen.

Lulu öffnet die Mitteltür und läßt Mr. Hopkins eintreten. Mr. Hopkins ist ein Mann von hünenhafter Gestalt, glattrasiertem rosigen Gesicht, himmelblauen Augen und freundlichem Lächeln. Er trägt Havelock und Zylinder und hält in der Hand den triefenden Schirm.

Lulu There is my little room.

Mr. Hopkins legt den Zeigefinger auf den Mund und sieht Lulu bedeutungsvoll an. Darauf spannt er seinen Schirm auf und stellt ihn im Hintergrund zum Trocknen auf die Diele.

Lulu It's not just too comfortable here.

Mr. Hopkins kommt nach vorn und hält ihr die Hand vor den Mund.

Lulu What do you mean?

Mr. Hopkins legt ihr die Hand vor den Mund und hält den Zeigefinger an die Lippen.

Lulu I don't understand that.

Mr. Hopkins hält ihr den Mund zu.

Lulu sich freimachend We are alone. - There is nobody.

Mr. Hopkins legt den Zeigefinger an die Lippen, schüttelt verneinend den Kopf, zeigt auf Lulu, öffnet den Mund wie zum Sprechen, zeigt auf sich und dann auf die Türe.

Lulu Mon Dieu, quel monstre!

Mr. Hopkins hält ihr den Mund zu. Darauf geht er nach hinten, faßt seinen Havelock zusammen und legt ihn über den Stuhl neben der Tür. Dann kommt er mit grinsendem Lächeln nach vorne, nimmt Lulu mit beiden Händen beim Kopf und küßt sie auf die Stirn.

Schigolch hinter der halboffenen Tür rechts vorn Der hat den Spleen.

Alwa Er soll sich vorsehen!

Schigolch Etwas Trostloseres hätte sie uns nicht heraufbringen können!

Lulu zurücktretend I hope you will give me some money.

Mr. Hopkins hält ihr den Mund zu und drückt ihr ein Zehnschillingstück in die Hand.

Lulu besieht das Geldstück und wirft es aus einer Hand in die andere.

Mr. Hopkins sieht sie unsicher fragend an.

Lulu das Geldstück in die Tasche steckend Allright!

Mr. Hopkins hält ihr rasch den Mund zu, gibt ihr ein Fünfschillingstück und wirft ihr einen gebieterischen Blick zu.

Lulu You are generous!

Mr. Hopkins springt wie wahnsinnig im Zimmer umher, fuchtelt mit den Armen in der Luft und starrt verzweiflungsvoll gen Himmel.

Lulu nähert sich ihm vorsichtig, schlingt den Arm um ihn und küßt ihn auf den Mund.

Mr. Hopkins macht sich lautlos lachend von ihr los und blickt fragend im Zimmer umher.

Lulu nimmt die Lampe vom Blumentisch, wirft Mr. Hopkins einen verheißungsvollen Blick zu und öffnet die Tür zu ihrer Kammer.

Mr. Hopkins tritt lächelnd ein, indem er unter der Tür seinen Hut lüftet.

Lulu folgt ihm.

Die Bühne ist finster bis auf einen Lichtstrahl, der von links durch die Türspalte dringt. - Alwa und Schigolch kriechen auf allen Vieren aus ihrem Verschlag.

Alwa Sie sind drin.

Schigolch hinter ihm Warte noch!

Alwa Hier hört man nichts.

Schigolch Das hat man doch oft genug gehört!

Alwa Ich will vor ihrer Türe knien.

Schigolch Dieses Muttersöhnchen! Er drückt sich an Alwa vorbei, tappt über die Bühne, nimmt Mr. Hopkins' Havelock vom Stuhl und durchsucht die Taschen.

Alwa hat sich vor Lulus Kammertür geschlichen.

Schigolch Handschuhe - sonst nichts! Er kehrt den Havelock um, durchsucht die inneren Taschen und zieht ein Buch heraus, das er an Alwa gibt Sieh mal nach, was das ist!

Alwa hält das Buch in den Lichtstrahl, der durch die Tür dringt, und entziffert mühsam das Titelblatt Lessons for those - who are - and those who want to be - Christian Workers - with a preface by Rev. W. Hay. M. H. - Very helpful. - Price three shillings six.

Schigolch Der scheint ganz von Gott verlassen zu sein. Legt den Mantel über den Stuhl und tastet sich nach dem Verschlag zurück Es ist nichts hier in London. Die Nation hat ihre Glanzzeit hinter sich.

Alwa Das Leben ist nie so schlimm, wie man es sich vorstellt. Er kriecht ebenfalls nach dem Verschlag zurück.

Schigolch Nicht einmal ein seidenes Foulard hat der Kerl! Und dabei kriechen wir in Deutschland vor dem Pack auf dem Bauch!

Alwa Laß uns wieder verschwinden. Vielleicht gibt er ihr beim Abschied noch was.

Schigolch Sie denkt an nichts als an ihr Vergnügen und nimmt den ersten, der ihr in den Weg läuft. Hoffentlich vergißt der Hund sie zeit seines Lebens nicht.

Schigolch und Alwa verkriechen sich in ihr Kämmerchen und schließen die Tür hinter sich. Darauf kommt Lulu mit Mr. Hopkins aus ihrer Kammer. Sie setzt die Lampe auf den Blumentisch, während Mr. Hopkins sie sinnend betrachtet.

Lulu Do you think to come again?

Mr. Hopkins hält ihr den Mund zu.

Lulu etwas verklärt, blickt in einer Art Verzweiflung gen Himmel und schüttelt den Kopf.

Mr. Hopkins hat seinen Havelock übergeworfen und nähert sich ihr mit grinsendem Lächeln. Sie wirft sich ihm an den Hals, worauf er sich sachte losmacht, ihr die Hand küßt und sich zur Türe wendet. Sie will ihn begleiten, er winkt ihr aber zurückzubleiben und verläßt geräuschlos das Gemach. Schigolch und Alwa kommen aus ihrem Verschlag.

Lulu Hat mich der Mensch erregt!

Alwa Wieviel hat er dir gegeben?

Lulu Fünfzehn Schillinge. Hier sind sie! Nimm sie! Ich gehe wieder hinunter.

Schigolch Wir können noch wie die Prinzen hier oben leben.

Alwa Er kommt zurück.

Schigolch Dann laß uns nur gleich wieder abtreten.

Alwa Er sucht sein Gebetbuch; hier ist es. Es muß ihm aus dem Mantel gefallen sein.

Lulu aufhorchend Nein, das ist er nicht. Das ist jemand anders.

Alwa Es kommt jemand herauf. Ich höre es ganz deutlich.

Lulu Jetzt tappt jemand an der Tür. - Wer mag das sein?

Schigolch Wahrscheinlich ein guter Freund, dem er uns empfohlen hat. - Herein!

Die Gräfin Geschwitz tritt ein. Sie ist in ärmlicher Kleidung und trägt eine Leinwandrolle in der Hand.

Die Geschwitz Wenn ich dir ungelegen komme, dann kehre ich wieder um. Ich habe allerdings seit zehn Tagen mit keiner menschlichen Seele gesprochen. Ich muß dir nur gleich sagen, daß ich kein Geld bekommen habe. Mein Bruder hat mir gar nicht geantwortet.

Schigolch Jetzt möchten gräfliche Gnaden gerne ihre Füße unter unsern Tisch strecken?

Lulu Ich gehe wieder hinunter!

Die Geschwitz Wo willst du in dem Aufzug hin? - Ich komme trotzdem nicht mit ganz leeren Händen. Ich bringe dir etwas anderes. Auf dem Wege hierher am Leicester Square bot mir ein Trödler noch zwölf Schillinge dafür. Ich brachte es nicht übers Herz, mich davon zu trennen. Aber du kannst es verkaufen, wenn du willst.

Schigolch Was haben Sie denn da?

Alwa Lassen Sie doch mal sehen. Er nimmt ihr die Leinwandrolle ab und entrollt sie Ach ja, mein Gott, das ist ja Lulus Porträt!

Lulu aufschreiend Und das bringst du Ungeheuer hierher? Schafft mir das Bild aus den Augen! Werft es zum Fenster hinaus!

Alwa Warum nicht gar! Diesem Porträt gegenüber gewinne ich meine Selbstachtung wieder. Es macht mir mein Verhängnis begreiflich. Alles wird so natürlich, so selbstverständlich, so sonnenklar, was wir erlebt haben. Wer sich diesen blühenden schwellenden Lippen, diesen großen unschuldsvollen Kinderaugen, diesem rosig-weißen strotzenden Körper gegenüber in seiner bürgerlichen Stellung sicher fühlt, der werfe den ersten Stein auf uns.

Schigolch Man muß es annageln. Es wird einen ausgezeichneten Eindruck auf unsere Kundschaft machen.

Alwa Da drüben steckt schon ein Nagel dafür in der Wand.

Schigolch Wie kommen Sie denn zu der Akquisition?

Die Geschwitz Ich habe es in eurer Wohnung in Paris heimlich aus der Wand geschnitten, nachdem ihr fort wart.

Alwa Schade, daß am Rande die Farbe abgeblättert ist! Sie haben es nicht vorsichtig genug aufgerollt. Er befestigt das Bild mit dem oberen Rande an einem Nagel, der in der Wand steckt.

Schigolch Es muß unten noch einer durch, wenn es halten soll. Die ganze Etage bekommt ein eleganteres Aussehen.

Alwa Laßt mich nur, ich weiß schon, wie ich es mache. Er reißt verschiedene Nägel aus der Wand, zieht sich den linken Stiefel aus und schlägt die Nägel mit dem Stiefelabsatz durch den Rand des Bildes in die Mauer.

Schigolch Es muß nur erst wieder eine Weile hängen, um richtig zur Geltung zu kommen. Wer sich das angesehen hat, der bildet sich nachher ein, die seligsten Wonnen zu genießen.

Alwa seinen Stiefel wieder anziehend Ihr Körper stand auf dem Höhepunkt seiner Entfaltung, als das Bild gemalt wurde. Die Lampe, liebes Kind! Mir scheint, es ist außergewöhnlich stark nachgedunkelt.

Die Geschwitz Es muß ein eminent begabter Künstler gewesen sein, der das gemalt hat!

Lulu mit der Lampe vor das Bild tretend Hast du ihn denn nicht gekannt?

Die Geschwitz Nein; das muß lange vor meiner Zeit gewesen sein. Ich hörte nur zuweilen noch abfällige Bemerkungen von euch darüber, daß er sich in seinem Verfolgungswahn den Hals abgeschnitten habe.

Alwa das Porträt mit Lulu vergleichend Der kindliche Ausdruck in den Augen ist trotz allem, was sie seitdem genossen hat, noch ganz derselbe. Aber der frische Tau, der die Haut bedeckt, der duftige Hauch vor den Lippen, das strahlende Licht, das sich von der weißen Stirne aus verbreitet, und diese herausfordernde Pracht des jugendlichen Fleisches an Hals und Armen...

Schigolch Das alles ist mit dem Kehrichtwagen gefahren. Sie kann wenigstens sagen: Das war ich mal! Wem sie heute in die Hände gerät, der macht sich keinen Begriff mehr von unserer Jugendzeit.

Alwa Gott sei Dank merkt man den fortschreitenden Verfall nicht, wenn man fortwährend miteinander verkehrt. Das Weib blüht für uns in dem Moment, wo es den Menschen auf Lebenszeit ins Verderben stürzen soll. Das ist nun einmal so eine Naturbestimmung.

Schigolch Unten im Laternenschimmer nimmt sie es noch mit einem Dutzend dieser englischen Windmühlen auf. Wer um diese Zeit noch eine Bekanntschaft machen will, der sieht überhaupt nicht auf körperliche Qualitäten. Er fragt nach den seelischen Vorzügen. Er entscheidet sich für diejenige Person, von der er am wenigsten Diebesgelüste zu fürchten hat.

Lulu Ich werde es ja sehen, ob du recht hast. Adieu.

Alwa Du gehst nicht mehr hinunter, so wahr ich lebe!

Die Geschwitz Wo willst du hin?

Alwa Sie will sich einen Kerl heraufholen.

Die Geschwitz Lulu!

Alwa Sie hat es heute schon einmal getan.

Die Geschwitz Lulu, Lulu, ich gehe mit, wohin du gehst!

Schigolch Wenn Sie Ihre Knochen auf Zinsen legen wollen, dann suchen Sie sich bitte Ihr eigenes Trottoir.

Die Geschwitz Lulu, ich gehe dir nicht von der Seite! Ich habe Waffen bei mir.

Schigolch Verflucht noch mal! Gräfliche Gnaden legen es darauf an, mit unserem Speck zu fischen!

Lulu Ihr bringt mich um! Ich halte es hier nicht mehr aus!

Die Geschwitz Du brauchst nichts zu fürchten. Ich bin bei dir!

Lulu mit der Gräfin Geschwitz durch die Mitte ab.

Schigolch Sakerment, Sakerment, Sakerment!

Alwa wirft sich auf eine Chaiselongue Ich glaube, ich habe vom Diesseits nicht mehr viel Gutes zu erwarten.

Schigolch Man hätte das Frauenzimmer an der Kehle zurückhalten müssen. Sie vertreibt alles, was Odem hat, mit ihrem aristokratischen Totenschädel.

Alwa Sie hat mich aufs Krankenlager geworfen und mich von außen und innen mit Dornen gespickt!

Schigolch Dafür hat sie allerdings auch genug Courage für zehn Mannsleute im Leib.

Alwa Keinen Verwundeten wird der Gnadenstoß jemals dankbarer finden als mich!

Schigolch Wenn sie den Springfritzen nicht nach dem Quai de la Gare gelockt hätte, dann hätten wir ihn heute noch auf dem Hals.

Alwa Ich sehe ihn über meinem Haupte schweben wie Tantalus den Zweig mit goldenen Äpfeln.

Pause.

Schigolch auf seiner Matratze Willst du die Lampe nicht ein wenig hinaufschrauben?

Alwa Ob wohl ein schlichter Naturmensch in seiner Wildnis auch so unsäglich leiden kann? - Mein Gott, was habe ich aus meinem Leben gemacht!

Schigolch Was hat das Hundewetter aus meinem Havelock gemacht! - Mit fünfundzwanzig Jahren wußte ich mir zu helfen.

Alwa Es hat nicht jeder meine herrliche, sonnige Jugendzeit gekostet!

Schigolch Ich glaube, sie geht gleich aus. - Bis sie zurückkommen, wird es hier dunkel wie im Mutterleib.

Alwa Ich suchte mit klarstem Zielbewußtsein den Verkehr mit Menschen, die nie in ihrem Leben ein Buch gelesen haben. Ich klammerte mich mit aller Selbstverleugnung und Begeisterung daran, um zu den höchsten Höhen dichterischen Ruhmes emporgetragen zu werden. Die Rechnung war falsch. Ich bin der Märtyrer meines Berufes. Seit dem Tode meines Vaters habe ich nicht einen einzigen Vers mehr geschrieben.

Schigolch Wenn sie nur nicht zusammengeblieben sind! - Wer kein dummer Junge ist, geht sowieso nicht mit zweien.

Alwa Sie sind nicht zusammengeblieben!

Schigolch Das hoffe ich. Sie hält sich die Person im Notfall mit Fußtritten vom Leib.

Alwa Der eine, aus der Hefe des Volkes hervorgegangen, ist der gefeiertste Dichter seiner Nation; und der andere, im Purpur geboren, liegt in London in der Grundhefe und kann nicht sterben.

Schigolch Jetzt kommen sie!

Alwa Und wie selige Stunden gemeinsamer Schaffensfreude hatten sie miteinander erlebt!

Schigolch Das können sie jetzt erst recht. - Wir müssen uns wieder verkriechen.

Alwa Ich bleibe hier.

Schigolch Was bedauerst du sie? - Wer sein Geld ausgibt, hat auch seine Gründe dafür!

Alwa Ich habe den moralischen Mut nicht mehr, um mich wegen einer Summe von fünfzehn Schillingen in meiner Behaglichkeit stören zu lassen. Er verkriecht sich unter seinem Plaid.

Schigolch Ein anständiger Mensch tut, was er seiner Stellung schuldig ist. Verbirgt sich in dem Verschlag.

Lulu die Tür öffnend Come in, come in!

Kungu Poti, Erbprinz von Uahube, in hellem Überrock, hellen Beinkleidern, weißen Gamaschen, gelben Knopfstiefeln und grauem Zylinder, tritt ein.

Kungu Poti It's very dark in the stair-case.

Lulu Come in, darling. Here is more light.

Kungu Poti Is that your sitting-room?

Lulu Yes, Sir.

Kungu Poti I feel cold.

Lulu Take you a drink?

Kungu Poti Well. Have you any brandy?

Lulu Yes. Come on. Ihm die Flasche gebend I don't know where the glass is.

Kungu Poti That does not matter. Setzt die Flasche an Well.

Lulu You are a nice young man.

Kungu Poti My father is Sultan of Uahube. I have six women in London, three English, and three French. Well, I don't like to see them. They are too stylish for me.

Lulu Will you stay long-time in London?

Kungu Poti Well. When my father is dead, I must go to Uahube. My kingdom is twice size of England.

Lulu How much will you give me?

Kungu Poti I give you a sovereign. Yes, I will give you one pound. I give always a sovereign.

Lulu You may give me afterwards, but you must show it to me first.

Kungu Poti Never I pay beforehand!

Lulu Allright, but show me your money.

Kungu Poti No, Daisy. Come on! Sie um den Leib fassend Come-on!

Lulu Let me go, I say!

Kungu Poti greift ihr in die Haare Come on, Daisy; where is the bed?

Lulu No, no; don't that!

Kungu Poti reißt sie zu Boden Well!

Alwa springt vom Lager auf und packt Kungu Poti von hinten an der Kehle.

Kungu Poti Well, that's a den! That's a murderhole! Er versetzt Alwa eins mit dem Totschläger über den Kopf.

Alwa bricht stöhnend zusammen.

Kungu Poti Well. I am going. Ab.

Lulu - - Ich bleibe auch nicht hier. - In eine Kaserne! - - Why look you so sorrowful, my dear? Ab. Schigolch kommt aus seinem Verschlag.

Schigolch über Alwa gebeugt Blut! - Alwa! - - Man muß ihn beiseite schaffen. - Hopp! - Sonst nehmen unsere Freunde Anstoß an ihm! - Alwa! Alwa! - Wer da nicht mit sich im klaren ist -! Entweder oder; sonst wird's leicht zu spät! - - Ich will ihm Beine machen. Er zündet ein Streichholz an und steckt es ihm unter den Kragen. Da sich Alwa nicht regt Er will seine Ruhe haben. - Aber hier wird nicht geschlafen. Er schleift ihn am Genick in Lulus Kammer. Darauf versucht er die Lampe hinaufzuschrauben Für mich wird es nun auch bald Zeit, sonst kriegt man im Cosmopolitan Club keinen Christmas-Pudding mehr. Weiß Gott, wann die von ihrer Vergnügungstour zurückkommen - Lulus Bild ins Auge fassend Die versteht die Sache nicht. Die kann von der Liebe nicht leben, weil ihr Leben die Liebe ist. - Da kommt sie! Ich werde ihr ins Gewissen reden...

Die Tür geht auf, und die Gräfin Geschwitz tritt ein.

Schigolch Wenn Sie Nachtquartier bei uns nehmen wollen, dann geben Sie bitte ein wenig acht, daß nichts gestohlen wird.

Die Geschwitz Wie dunkel es hier ist!

Schigolch Es wird noch viel dunkler. - Der Herr Doktor haben sich schon zur Ruhe begeben.

Die Geschwitz Sie schickt mich voraus.

Schigolch Das ist vernünftig. - Wenn jemand nach mir fragt, ich sitze unten im Cosmopolitan Club. - Ab.

Die Geschwitz allein Ich will mich neben die Türe setzen. Ich will alles mitansehen und nicht mit der Wimper zucken. Sie setzt sich auf den Strohsessel neben die Tür - Die Menschen kennen sich nicht; sie wissen nicht, wie sie sind. Nur wer selber kein Mensch ist, der kennt sie. Jedes Wort, das sie sagen, ist unwahr und erlogen. Das wissen sie nicht, denn sie sind heute so und morgen so, je nachdem, ob sie gegessen, getrunken und geliebt haben oder nicht. Nur der Körper bleibt auf einige Zeit, was er ist, und nur die Kinder haben Vernunft. Die Großen sind wie die Tiere; keines weiß, was es tut. Wenn sie am glücklichsten sind, dann jammern sie und stöhnen sie, und im tiefsten Elend freuen sie sich eines jeden winzigen Happens. Es ist sonderbar, wie der Hunger den Menschen die Kraft zum Unglück raubt. Wenn sie sich aber gesättigt haben, dann machen sie sich die Welt zur Folterkammer und werfen ihr Leben für die Befriedigung einer Laune weg. - Ob es wohl einmal Menschen gegeben hat, die durch Liebe glücklich geworden sind? - Was ist denn ihr Glück anders, als daß sie besser schlafen und alles vergessen können? - Herr Gott, ich danke dir, daß du mich nicht geschaffen hast wie diese. - Ich bin nicht Mensch; mein Leib hat nichts Gemeines mit Menschenleibern. Habe ich eine Menschenseele? - Zerquälte Menschen tragen ein kleines enges Herz in sich; ich aber weiß, daß es nicht mein Verdienst ist, wenn ich alles hingebe, alles opfere...

Lulu öffnet die Tür und läßt Doktor Hilti eintreten. Die Geschwitz bleibt, ohne von beiden bemerkt zu werden, regungslos neben der Tür sitzen.

Lulu Whence are you coming so late, Sir?

Dr. Hilti I have been in the theatre. There are two thousand ladies lifting up the right leg at the same time; and then the two thousand ladies are lifting up the left leg at the same time. I never saw such handsome girls before.

Lulu Didn't you? But you are not English?

Dr. Hilti No. I am only here the last two weeks. Are you borne in London?

Lulu No, Sir. I am French.

Dr. Hilti Ah, vous êtes Française?

Lulu Oui, monsieur, je suis Parisienne.

Dr. Hilti I am coming from Paris, where I was staying for eight days.

Lulu On s'y amuse mieux qu'ici. Vous ne trouvez pas?

Dr. Hilti Oui. I was everyday in the Louvre. I admired the pictures. But I am no French. I am from Zurich in Switzerland.

Lulu Est-ce de la Suisse Française, ça?

Dr. Hilti No. Zurich is in German Switzerland.

Lulu Alors vous parlez l'Allemand?

Dr. Hilti Sprächän Sie Töütsch?

Lulu Un petit peu seulement, parce que mon ancien amant était Allemand. Il était de Berlin, je crois.

Dr. Hilti Tonnärwättär, wia miach tas fröüt, taß Sie Töütsch sprächän!

Lulu Du bleibst bei mir die Nacht?

Dr. Hilti Abär iach habä niacht mähr dän fühnf Schielingä bei miar; iach nämmä nia mähr miet, wän iach ausgähä.

Lulu It's enough - parce que c'est toi! Tu as les yeux si doux. Viens, embrasse-moi!

Dr. Hilti Hiemäl, Härgoht, Töüfäl, Kräuzpatadiohn...

Lulu Je t'en prie, ferme ça.

Dr. Hilti Beim Töüfäl, äs ischt nämliach tas ärschte Mol, taß iach miet einäm Mädachän gähä. Tu kchanscht miar gloubän. Sakchärmänt, iach hätä miar tas gahnz andärsch gädahcht!

Lulu Bist du verheiratet?

Dr. Hilti Hiemäl, Hagäl, worum meinscht tu, iach sei värheurotet? - Nein, iach bien Prifot-Tozänt; iach läsä Philossoffie ahn der Unifärsität. Sakchärmänt, iach bien nämliach ous oinär oltän Bodriziär-Fomiliä; iach ärhielt als Studänt nur zwoi Frankchen Toschängält, und tas kchohntä iach bässär anwänden als füar Mädachän.

Lulu Deshalb warst du nie bei einer Frau?

Dr. Hilti Äbän ja! Äbän! Abär iach brouchä äs itzt; iach habä miach heutä obänd värsprochän miet oinär Basler Bodriziärsdochtär. Sie ischt hiär Nursery governess.

Lulu Ist deine Braut hübsch?

Dr. Hilti Ja, sie hat zwoi Millionän. - Iach bien sähr gespahnt, wia äs miach dunkchän wird.

Lulu Ihr Haar zurückwerfend Quelle chance! Sie erhebt sich und nimmt die Lampe Eh bien, viens, mon philosophe! Sie führt Dr. Hilti in ihre Kammer und verriegelt von innen die Tür.

Die Geschwitz zieht einen kleinen schwarzen Revolver aus ihrer Tasche und hält ihn sich gegen die Stirn... Come on, darling!

Dr. Hilti reißt von innen die Tür auf und stürzt heraus O verreckchte Chaib - do lit eine drin!

Lulu die Lampe in der Hand, hält ihn am Ärmel Bleib bei mir!

Dr. Hilti A Totnige! - A Liach!

Lulu Bleib bei mir, bleib bei mir!

Dr. Hilti sich losmachend A Liach lit do in - Himmel, Stärne, Chaib!

Lulu Bleib bei mir!

Dr. Hilti Wo got's do usse? Die Geschwitz erblickend Und das isch de Tüfel!

Lulu Ich bitte dich, bleib!

Dr. Hilti Chaibe, verchaibeti Chaiberei! - O du ewige Hagel! - Durch die Mitte ab.

Lulu Bleib! - Bleib! Sie stürzt ihm nach.

Die Geschwitz allein, läßt den Revolver sinken Lieber erhängen! - Wenn sie mich heute in meinem Blute liegen sieht, weint sie mir keine Träne nach. Ich war ihr immer nur das gefügige Werkzeug, das sich zu den schwierigsten Arbeiten gebrauchen ließ. Sie hat mich vom ersten Tage an aus tiefster Seele verabscheut. - Springe ich nicht lieber von der Towerbrücke hinunter? Was mag kälter sein, das Wasser oder ihr Herz? - Ich würde träumen, bis ich ertrunken bin. - - Lieber erhängen! - - Erstechen? - Hm, es kommt nichts dabei heraus. - - Wie oft träumte mir, daß sie mich küßt! Noch eine Minute nur; da klopft eine Eule ans Fenster, und ich erwache. - - Lieber erhängen! - Nicht in die Themse; das Wasser ist zu rein für mich. Plötzlich auffahrend Da! - Da! - Da ist es! - Rasch noch, bevor sie kommt! Sie nimmt den Plaidriemen von der Wand, steigt auf den Sessel, befestigt den Riemen an einem Haken, der im Türpfosten steckt, legt sich den Riemen um den Hals, stößt mit den Füßen den Stuhl um und fällt zur Erde - - Verfluchtes Leben! - Verfluchtes Leben! - - Wenn es mir noch bevorstände? - Laß mich einmal nur zu deinem Herzen sprechen, mein Engel! Aber du bist kalt! - Ich soll noch nicht fort! Ich soll vielleicht auch einmal glücklich gewesen sein. - Höre auf ihn, Lulu; ich soll noch nicht fort! - Sie schleppt sich vor Lulus Bild, sinkt in die Knie und faltet die Hände Mein angebeteter Engel! Mein Lieb! Mein Stern! - Erbarm dich mein, erbarm dich mein, erbarm dich mein!

Lulu öffnet die Tür und läßt Jack eintreten. Er ist ein Mann von gedrungener Figur, von elastischen Bewegungen, blassem Gesicht, entzündeten Augen, hochgezogenen, starken Brauen, hängendem Schnurrbart, dünnem Knebelbart, zottigen Favoris und feuerroten Händen mit vernagten Fingernägeln. Sein Blick ist auf den Boden geheftet. Er trägt dunklen Überrock und kleinen runden Filzhut.

Jack die Geschwitz bemerkend Who is it?

Lulu It's my sister, Sir. She is mad; she is always on my heels.

Jack You have a beautiful mouth when you are speaking.

Lulu Don't go, please!

Jack You understand your business!

Lulu Yes, Sir.

Jack You are no English?

Lulu No, Sir. I am German, Sir.

Jack Where did you get your beautiful mouth?

Lulu From my mother, Sir.

Jack I do know that. - How much you want? - I cannot waste money.

Lulu Will you not stay all night with me, Sir?

Jack No. I haven't time. I am married man.

Lulu You say, you missed the last bus and that you have spent the night with one of your friends.

Jack How much do you want?

Lulu Pound.

Jack Good evening. Will gehen.

Lulu hält ihn zurück Stay, stay!

Jack geht an der Geschwitz vorbei und öffnet den Verschlag Why wish you that I stay here all night? - That is suspicious! When I am sleeping, you will file my pockets.

Lulu I don't do that. Don't leave, Sir! I implore you!

Jack How much do you want?

Lulu Give me eight shillings.

Jack That is too much. - You are a beginner?

Lulu I am just starting to-day. Sie wirft die Geschwitz, die sich gegen Jack aufgerichtet hat, zu Boden.

Jack Let her go! - That is not your sister. She loves you. Streichelt der Geschwitz den Kopf Poor beast! -

Lulu Oh, I would like you would stay with me all night!

Jack Did you ever have a child?

Lulu No, Sir. Never. But I was a nice looking woman.

Jack Have you a friend living with you?

Lulu We are all alone, Sir.

Jack mit dem Fuß stampfend Who is living down below?

Lulu Nobody. That room is to let.

Jack I judged you after your way of walking. I saw your body is perfectly formed. I said to myself she must have a very expressive mouth.

Lulu It seems you took a francy in my mouth.

Jack Yes. Indeed.

Lulu What are you staring at me?

Jack I have only a shilling.

Lulu Come on, give me the shilling.

Jack I must get six pence change. I have to take a bus tomorrow morning.

Lulu I have no penny.

Jack Come on. Look in your pocket.

Lulu ihre Tasche durchsuchend Nothing - nothing.

Jack Just let me see.

Lulu That's all what I have. Sie hält ein Zehn-Schillingstück in der Hand.

Jack I want have the half sovereign.

Lulu I will change him to-morrow morning.

Jack Give it to me!

Lulu gibt ihm das Geld und nimmt die Lampe vom Blumentisch.

Jack vor Lulus Bild You are a society-woman. You did take care of yourself.

Lulu den Verschlag öffnend Come on, come on.

Jack We don't need any light. The moon is shining.

Lulu As you like, Sir. Ihm um den Hals fallend I wouldn't do you any harm. I love you. Don't let me beg go any longer.

Jack Allright! Er folgt ihr in den Verschlag.

Die Lampe erlischt. Auf der Diele unter den beiden Fenstern erscheinen zwei viereckige grelle Flecke. Im Zimmer ist alles deutlich erkennbar.

Die Geschwitz allein, spricht wie im Traum Dies ist der letzte Abend, den ich mit diesem Volke verbringe. - Ich kehre nach Deutschland zurück. Meine Mutter schickt mir das Reisegeld. - Ich lasse mich immatrikulieren. - Ich muß für Frauenrechte kämpfen, Jurisprudenz studieren.

Lulu barfuß in Hemd und Unterrock, reißt schreiend die Tür auf und hält sie von außen zu Hilfe! - Hilfe!

Die Geschwitz stürzt nach der Tür, zieht ihren Revolver und richtet ihn, Lulu hinter sich drängend, gegen die Tür; zu Lulu Laß los!

Jack reißt, zur Erde gebückt, die Tür von innen auf und rennt der Geschwitz ein Messer in den Leib.

Die Geschwitz knallt einen Schuß gegen die Decke und bricht wimmernd zusammen.

Jack entreißt ihr den Revolver und wirft sich gegen die Ausgangstür Goddam! There is no finer mouth within the four seas! Der Schweiß trieft ihm aus den Haaren, seine Hände sind blutig. Er keucht aus tiefster Brust und starrt mit aus dem Kopf tretenden Augen zu Boden.

Lulu zitternd an allen Gliedern, blickt wild umher. Plötzlich ergreift sie die Whiskyflasche, zerschlägt sie am Tisch und stürzt, den abgebrochenen Hals in der Hand, auf Jack los.

Jack hat den rechten Fuß emporgezogen und schleudert Lulu auf den Rücken. Darauf hebt er sie vom Boden auf.

Lulu No, no! Have pity! - Murder! - They rip me up! Police!

Jack Shut up! I have you save! Er trägt sie in den Verschlag.

Lulu von innen O don't! - Don't! - No!

Jack kommt nach einer Weile zurück und setzt die Waschschale auf den Blumentisch It was a hard piece of work! - Sich die Hände waschend I am a lucky dog to find this Unicum! Sieht sich nach einem Handtuch um Not so much as a towel is in this place! It looks awful poor here! - Trocknet seine Hände am Unterrock der Geschwitz ab Well! This monster is quite safe from me! - It will be all over with you in a second. Durch die Mitte ab.

Die Geschwitz allein - Lulu! - Mein Engel! - Laß dich noch einmal sehen! - Ich bin dir nah! Bleibe dir nah in Ewigkeit! In die Ellbogen brechend O verflucht! - Sie stirbt.

Prolog in der Buchhandlung

1. Aufzug

2. Aufzug

3. Aufzug