"Warten auf Godot", 1954
Rühmann bekam bei den Proben an den Münchner Kammerspielen die Autorität eines Fritz Kortner zu spüren. Was ihn sehr wurmte. Kortner ließ ihn eine Szene zehnmal (!) wiederholen. Bis Rühmann der Kragen platzte. Er ging nach vorn an die Bühnenrampe und maulte im typischen Rühmann-Ton: "Na Papa, Föhn heute?"
Hierfür revanchierte sich Kortner nicht bei Rühmann persönlich sondern auf Umwegen. Bei Theaterproben bescheinigte er einem jungen Schauspieler: "Mit Ihren minimalen sprachlichen Mitteln werden Sie nie ein großer Schauspieler." Dessen Antwort: "Was wollen Sie, Rühmann hat auch nur mit zwei Tönen Karriere gemacht." Worauf Kortner wütend schrie: "Wie können Sie es wagen, sich an unserem populärsten Schauspieler zu vergreifen. Im übrigen haben Sie unrecht. Rühmann hat nicht mit zwei Tönen Karriere gemacht, sondern nur mit einem."
 
"Der Mann, der nicht nein sagen konnte", 1958
Balduin Baas, Hamburger Schauspieler, der mit Rühmann in Dänemark drehte: "Heinz Rühmann ließ sich gewöhnlich eine Kabine oder manchmal sogar ein Zelt im Studio aufstellen, wo er sich in Ruhe, aber nah genug am Geschehen auf seine Auftritte vorbereitete. Rühmann saß also in seinem Kasten, und ich hatte eine Szene, die bei dem Team einige Lacher auslöste. Auf einmal kam der Meister aus seiner Kabine heraus, streifte mich und sagte aus dem Mundwinkel: 'Herr Baas, wer ist hier der Komiker, Sie oder ich?'"
 
"Der brave Soldat Schwejk", 1960
Ernst Stankovski: "Erster Drehtag, erste Szene. Natürlich hatte ich meinen Text gelernt. Aber es kam nichts. Voller Hemmungen stand ich vor dem großen Rühmann und brachte keinen richtigen Satz heraus. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Rühmann sah sich das an, sagte aber nichts. Erst nach der Mittagspause nahm er mich beiseite: 'Ich bin sehr froh, Herr Stankovski, dass meine Frau mir gerade Sie empfohlen hat.' Damit war der Bann gebrochen. Das war fabelhaft, wie er mir mit diesem einen Satz alle meine Hemmungen genommen hat - das habe ich ihm nie vergessen."
 
"Der brave Soldat Schwejk", 1960
Fritz Muliar besetzt eine Nebenrolle als Russen. Obwohl damals wegen seiner Herkunft, Mentalität und Sprache viele in ihm den "wahren Schwejk" sahen. Muliar traute sich denn auch, dem großen Rühmann ab und an zu sagen, wie er die Rolle spielen würde - was dieser sich ziemlich barsch verbat. Muliar hat den "Schwejk" dann später in einer sehr erfolgreichen Fernsehserie gespielt. Als sie gesendet wurde, bekam er ein Telegramm. Von Rühmann: "Lieber Kollege. Sie haben damals recht gehabt. Herzlichen Glückwunsch!"
 
Dr. Manfred Barthel, Produzent und Drehbuchautor einiger Rühmannfilme:
"Anfang der 60er Jahre muss das gewesen sein, da traf ich Heinz Rühmann bei einer ganz normalen Vorstellung in den Münchner Kammerspielen. Man spielte eine der Shakespeare-Komödien. Mir gefiel die Inszenierung nicht. In der Pause begrüßte ich Rühmann, der ein 13jähriges Mädchen dabei hatte, die Tochter von Verwandten. Ich hatte gerade angesetzt, meine nicht sehr positive Meinung über die Aufführung zu formulieren, da fiel er mir - was nun wirklich nicht seine Art ist - ins Wort und schwärmte, ja, schwärmte: 'Ist das nicht ein schöner Abend, so heiter so beschwingt, so voll Shakespearescher Phantasie...!?' Ich schwieg ebenso erstaunt wie verwundert, denn meist hatten wir die gleiche Meinung von Stücken und Aufführungen. Als die Kleine mal verschwand, sagte er leise, fast verschwörerisch, zu mir: 'Wir beide wissen natürlich, was von dieser Inszenierung zu halten ist, aber die Kleine sieht den ersten Shakespeare ihres Lebens, und ich meine, sie muss ihn einfach großartig finden!' Nie werde ich diese pädagogische Lektion vergessen. So kann nur einer denken und handeln, der das Theater nicht nur liebt, sondern dem es alles bedeutet."
 
"Oh Jonathan - oh, Jonathan", 1973
Wie streng Rühmann auf Anstand und Moral seiner Mitspieler, vor allem auf die der jüngeren, achtete, davon kann Gila von Weitershausen ein Lied singen. In dem Kinofilm "Oh, Jonathan - oh, Jonathan" (1973 in München gedreht) sollte sie die Jonathan-Schwiegertochter spielen. Aber Rühmann missfiel, dass sich das "Engelchen" von seinem Mann (Martin Lüttge) getrennt und von dem französischen Regisseur Louis Malle ein Kind hatte. Für sie kam die hübsche, blonde Franziska Oehme. Dass die schon bei Vertragsunterzeichnung schwanger war und nicht verraten wollte, von wem, wurde Rühmann während der gesamten Dreharbeiten verschwiegen - sonst wäre wahrscheinlich eine zweite Umbesetzung fällig gewesen.
 
Gerhard Schmitt-Thiel, 1988
"Was wollen Sie denn, über mich ist doch alles schon hundertmal gesagt und geschrieben worden", war Rühmanns stereotype Antwort, wenn BR-Entertainer Gerhard Schmitt-Thiel den Star als Gast in seine "Showgeschichten" einlud. Drei, vier Anläufe - immer die gleiche Abfuhr. Bis Schmitt Thiel auf einen simplen Trick verfiel. Er hatte herausgefunden, dass Rühmann viel lieber über andere als über sich selber sprach. Am liebsten über Erich Ponto, für den er schon als junger Mann geschwärmt hatte und mit dem er - Gipfel des Schauspieler-Glücks - in der "Feuerzangenbowle" zusammen spielen, ja, ihn sogar nachmachen durfte. Der Trick funktionierte; beim Stichwort "Ponto" wurde Rühmann derart redselig, dass er seinen Widerstand aufgab und seine "Showgeschichten" schließlich doch erzählte.

© 2004 Michael Knoke